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Was sind die (psychologischen) Gründe dafür, dass ein Mensch schlecht über seinen Partner spricht - vor Freunden oder sogar vor Fremden.

Warum hat eine Frau bzw. ein Mann das Bedürfnis, schlecht über den Partner zu sprechen bzw. sich über die andere Person zu beschweren?

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Wenn jemand schlecht hinter dem Rücken eines anderen redet, kann dies verschiedene Gründe haben. Es kann nützlich sein, ein Problem mit einem Freund zu teilen, der eine ähnliche Erfahrung gemacht hat. Es kann Spannungen lösen und uns helfen, Einsicht zu gewinnen. Auch ist es hilfreich zu wissen, dass wir nicht alleine sind. Und es kann helfen, eine Lösung zu finden.

Aus Sicht der Evolution

Ein Blick auf die Evolution: Der Anthropologist Robin Dunbar vergleicht „Klatsch“ grundsätzlich mit dem Verhalten von Primaten, sich umeinander zu kümmern bzw. sich gegenseitig zu säubern, was auch als Mittel zur Bindung diente und das Leben erleichterte. Anstatt Flöhe und Schmutz voneinander zu entfernen, sprechen wir jetzt miteinander. Hier kommt der Klatsch ins Spiel, weil hauptsächlich über andere Menschen gesprochen wird und soziale Informationen vermittelt werden.

Kindheit

Hat man erlebt, wie die Mutter schlecht über den Vater gesprochen hat (oder andersherum), wenn es zu Problemen in der Familie kam, so kann es sich um eine Imitation des vorgelebten Verhaltens der Eltern handeln. Es wird fälschlicherweise als Weg der „Konfliktlösung“ verstanden.


Ziele des Beschwerenden

Einige Ziele des Beschwerenden können sein:

1. Allgemein: Sich besser zu fühlen. Ziel ist es meist, eigene unangenehme Gefühle zu beseitigen.

2. Sich zu beweisen, dass die andere Person schlecht ist.

3. Sich zu beweisen, dass man besser ist als die andere Person.

4. Sich (und anderen) zu beweisen, dass man die andere Person nicht mag.

5. Macht zu zeigen: Ein Beweggrund, schlecht über einen anderen zu reden, kann der Wunsch danach sein, seine Macht zu demonstrieren. Dies hat jedoch gleichzeitig einen einschüchternden Effekt auf den Empfänger des Schlechtredens.

6. Die andere Person zu schädigen.

7. Leid zu teilen und emotionale Unterstützung zu erfahren: Wenn man einen Streit mit dem Partner hatte, kann es sehr erleichtern wirken, die schlechten Gefühle mit einem Freund zu teilen. Sich das Leid bzw. seinen Kummer von der Seele zu reden ist eine Erleichterung, so wie auch bei anderen emotionalen Problemen. Dies ist häufiger bei Frauen als Männern festzustellen.

8. Refelexion: Wenn man nach Erfahrungen fragt anstatt sich nur zu beschweren, ist man auf der Suche nach Lösungen. Es kann das Bedürfnis vorliegen, von der „Weisheit“ anderer zu lernen. Insbesondere bei Beziehungsproblemen kann ein erfahrener Mensch/Freund hilfreich sein. Es kommt aber auch hier darauf an, wie über den Partner und das Problem gesprochen wird.

9. Rechtfertigung eigener negativer Gefühl.

10. Rache: Man fühlt sich verletzt und möchte es dem Partner heimzahlen.

11. Man möchte sich vom Verhalten des Partners distanzieren.

12. Man möchte seiner Enttäuschung Ausdruck geben und sich ggf. wieder stärken.


Kognitive Dissonanz

Kognitive Dissonanz meint, dass sich unsere Gedanken unserem Verhalten widersprechen. Menschen fühlen sich am besten, wenn sie mit sich selbst im Einklang sind. Dabei ist ein Streben, einen inneren Konflikt (eine Dissonanz) zu lösen, das heißt wir ändern unser Verhalten oder den innenlebenden Glauben. Dadurch wird die Spannung beseitigt. Das Problem hierbei ist, dass es beim regelmäßigen Beschweren über den eigenen Partner schwierig wird, diesen wieder in einem positiven Licht zu sehen. Schließlich glaubt man an das Selbstgesagte. Wenn man sich häufig über seinen Partner beschwert, wird man ihn schließlich nicht mehr mögen, erst recht nicht lieben. Wenn man bei Problemen sofort daran denkt, einen Freund anzurufen, anstatt mit dem Partner zu sprechen, ist dies ein Warnzeichen für die Beziehung.

Tipp: Man kann versuchen, ein Tagebuch zu führen und negative Gedanken dort loszuwerden. Zudem wird man sich seiner Gedanken und Gefühle klarer.


Rückschlüsse auf die Persönlichkeit

Es lassen sich Rückschlüsse auf die Persönlichkeit des Beschwerenden ziehen:

- Man projiziert seine Probleme auf andere Menschen.

- Man ist blind für die Tatsache, dass das böswillige Gerede, einem ebenso schadet wie der Person, über die gesprochen wird.

- Man hat den Wunsch besser dazustehen, und zwar mit Hilfe des Vergleichs zu etwas Schlechterem.

- Kompensation eigener Mängel.

- Geringes Selbstwertgefühl und Suche nach externer Validierung (auch wenn diese externe Validierung jemand anderen unter Druck setzt).

- Man möchte sich ggf. mit anderen Menschen verbinden, indem man die gleiche Person abwertet (Gleich und Gleich gesellt sich gern).

- Genuss von negativen Gefühlen (Beschwerdesucht).

- Gewohnheit, sich mit Kritik und Negativität über andere zu äußern.

- Ggf. mangelnde Intelligenz oder Langeweile. Gemäß Roosevelt: „Große Köpfe diskutieren Ideen. Durchschnittliche Köpfe diskutieren Ereignisse. Kleine Köpfe diskutieren Menschen.“

- Gleichgültig und Mangel an Empathie.

- Man kann aufgrund von geringem Selbstbewusstsein nicht in das direkte Gespräch gehen.

- Man will direkte Konflikte vermeiden.


Konsequenz: Reputationsschaden

Sich nach außen zu beschweren ist negativ für den Partner, aber gleichzeitig auch für den, der sich beschwert. Grund hierfür ist, dass man anderen damit auch die Beziehung darstellt. Freunde fangen an, den Partner in einem negativen Licht zu sehen - und die Person, die damit in Verbindung steht.

Unser Gehirn gibt negativen Nachrichten mehr Wert als positiven Nachrichten. Freunde wollen beschützen und könnten ggf. negative Tipps geben, in grundsätzlicher guter Absicht.

Jedoch: Wenn man in einer guten Beziehung ist, die nur vorübergehend schlecht ist, möchte man nicht, dass die Freunde aus einem Feuerchen einen Waldbrand machen. Erzählte Geschichten sind die Hauptinformationsquelle für Zuhörer. Wenn alles, was man über den Partner erzählt, schlecht ist, sind auch die Schlussfolgerungen entsprechend negativ. Deshalb macht es Sinn, nach einer Beziehungskrise einem Freund sehr gut über den Partner zu berichten.


Gut zu wissen

Wenn man mit vielen anderen spricht, bevor man mit seinem Partner spricht, trübt der Rat der anderen das eigene Urteilsvermögen. Also auch ein Grund, gar nicht oder mit nur einem Vertrauten zu sprechen.

Das, was wir über andere Menschen denken, sagt viel über unsere eigene Persönlichkeit aus. Denkt man positiv über andere (und spricht sogar darüber), ist man glücklicher als jemand mit negativen Gedanken. Zudem: Menschen verhalten sich einer Person offener, freundlicher und positiver gegenüber, sofern diese Person positiv über andere spricht. Es zeigt ein sozialeres Verhalten. Zudem ist die kritische Frage „Was wird er/sie anderen gegenüber über mich erzählen?“ sehr wahrscheinlich positiv zu beantworten („Nur Gutes.“), was Vertrauen schafft.

Es gibt ein messbares Kritik-zu-Lob-Verhältnis, das sowohl mit erfolgreichen geschäftlichen als auch mit persönlichen Beziehungen in Verbindung gebracht wird. Laut einer Studie (Harvard Business Review) hatten die Teams mit der höchsten Leistung ein durchschnittliches Verhältnis von fast sechs positiven Kommentaren für jeden negativen, während die Teams mit der niedrigsten Leistung durchschnittlich drei negative Kommentare für jeden positiven hatten.

Der Beziehungsguru John Gottman fand ein sehr ähnliches Verhältnis, das voraussagt, ob ein Ehepaar zusammenbleiben oder sich scheiden lässt. Seine Forschung ergab, dass das optimale Verhältnis für die Ehe fünf positive Kommentare für jeden negativen ist. Das Verhältnis für Paare, die nicht zusammen blieben, lag näher an einem positiven Kommentar für jeden negativen.

Wichtig: Niemand hat das Recht, einen anderen zu verletzen, weder physisch noch verbal. Egal aus welchem Grund.



Quellen:

1. https://www.quora.com/What-is-the-psychology-of-people-who-talk-bad-about-other-people-non-stop
2. https://time.com/5680457/why-do-people-gossip/
3. https://www.psychologytoday.com/us/blog/darwins-subterranean-world/201508/3-reasons-people-get-away-badmouthing-others
4. https://medium.com/the-psychologist/dont-complain-about-your-partner-to-your-friends-4edd1cb3cf6
5. https://www.psychologies.co.uk/psychology-emotional-mirroring
6. https://www.psychologytoday.com/us/blog/the-couch/202001/does-being-critical-your-partner-equate-bad-relationship

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