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Warum vermeiden Menschen in einigen Situationen Augenkontakt? Was sind mögliche Gründe dafür?

Ich vermute, einer ist Schüchternheit. Aber wenn mir jemand während des Gesprächs nicht in die Augen schaut, ist dort vielleicht eine „Störung“ im weitesten Sinne.

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Kleidung, Haar, Accessoires, Körperhaltung und Gesten vermitteln eine Bedeutung. Hierzu gehört auch der Augenkontakt mit einer Person. Wenn man keinen guten Augenkontakt zum Gesprächspartner hält, kann dies dazu führen, dass man keine persönliche Beziehung aufbaut.

Menschen sehen einander in die Augen, damit sie verstehen, was sie wirklich denken und fühlen. Wir können uns verletzt fühlen, wenn wir enthüllen, was in uns vor sich geht. Wir vermeiden Augenkontakt, wenn wir nicht möchten, dass die Leute uns genauer betrachten und mehr von uns sehen. Unsere Augen offenbaren unsere Gedanken und Gefühle. Bekannt ist hierzu der Spruch: „Die Augen sind das Fenster zur Seele.“

Im Folgenden einige mögliche Gründe, warum Menschen keinen Augenkontakt halten oder Zurückhaltung zeigen:

1. Betrug/Lügen verstecken

Wenn eine Person absichtlich die Wahrheit vorenthält, kann sie zögern, dem Gegenüber in die Augen zu schauen, weil sie befürchtet, dass ihre Augen die Wahrheit preisgeben. Dies aus dem Grund, dass Augenkontakt eine intime Bindung herstellt. Es tritt ein Schamgefühl auf, wenn man wissentlich betrügt. Deshalb meiden Menschen manchmal den Blickkontakt, wenn sie lügen. Bekannt ist auch der Spruch: „Schau mir in die Augen, wenn du mir das sagst!“. Wiederum gelten Menschen, die festen Augenkontakt haben, als vertrauenswürdig.

2. Emotionen verstecken

Es kann sein, dass die Person die wahren Gefühle vor der anderen verbergen möchte. Zum Beispiel für den Fall, wenn die Person glaubt, dass die Reaktion nicht positiv aufgenommen wird. Wut, Angst und Überraschung sind Emotionen, die sich am meisten durch unsere Augen zeigen und am schwersten zu verbergen sind. Und dies sind auch die Emotionen, die wir am häufigsten vor anderen bewahren möchten.

3. Unsicherheit

Einer der häufigsten Gründe, warum Menschen Augenkontakt vermeiden, ist schlicht Unsicherheit. Augenkontakt lädt zu mehr Interaktion ein und man möchte möglicherweise nicht, dass man als inkompetent oder dergleichen wirkt.

4. Niedrigere soziale Stellung

Menschen mit höherem Status haben grundsätzlich mehr Augenkontakt, wenn sie mit anderen sprechen, während diejenigen, die sich mit niedrigerem Status sehen, weniger Augenkontakt haben und als erste den Blick abwenden. Wenn eine Person niemandem in die Augen sehen kann, wenn sie mit ihm spricht, kann dies oft daran, dass sie nicht das Gefühl hat, das gleiche Niveau wie der Gegenüber zu haben und nicht mithalten kann. Eine Studie (Hinchliffe, Lancashire, Roberts, 1971) hat gezeigt, dass Menschen mit Depressionen - was das Selbstvertrauen einer Person beeinträchtigt - weniger wahrscheinlich Augenkontakt mit Menschen haben.

5. Höhere soziale Stellung oder Desinteresse

Die Person, die keinen Augenkontakt hält, denkt, sie sei besser oder würde eine höhere soziale Stellung haben als die Person gegenüber.

Wenn die Person die Aufmerksamkeit auf andere Dinge oder Personen im Raum lenkt, kann dies ein Zeichen von Desinteresse sein oder Egozentrik. Sogar im Sinne von „Ich kann entscheiden, wann Du bist wichtig. Ich habe die Kontrolle“.

Tipp: Mach die andere Person darauf aufmerksam, dass er/sie nicht Augenkontakt hält. Benutzer wir-Formulierungen im Gespräch, um eine Bindung aufzubauen. Stelle interessante Fragen über die Person, die gute Emotionen auslösen. Fasse das Gesagte zusammen, damit der Gesprächspartner merkt, dass man wirklich zuhört.

6. Introvertiert, soziale Angst oder neurotische Persönlichkeit

Den Blick in die Augen einer anderen Person für einen angemessenen Zeitraum zu halten, ist ein nonverbaler Hinweis darauf, der der anderen Person vermittelt, dass man im Gespräch involviert ist und weiter mit ihr reden möchten. Wenn man keinen Augenkontakt hält, bedeutet dies ggf., dass die Person das Gespräch nicht fortsetzen möchte und eine gewisse Distanz wünscht. Die Distanz beruht auf dem Bedürfnis, sich vor erwarteter Verlegenheit, Scham oder anderen negativen Gefühlen zu schützen, die durch die Interaktion entstehen könnten.

Personen mit neurotischen Merkmalen (neurotisch = emotional labil, geringe emotionale Kontrolle) fühlen sich bei direktem Augenkontakt weniger wohl und ziehen es vor, anderen mit abgewandten Blicken gegenüberzutreten (vgl. Hietanen/Uusberg). Auch Nervösität kann ein Grund sein wegzuschauen.

Tipp: Stelle offenere Fragen. Mach ein paar Komplimente im Gespräch, um aufmerksam und positiv wahrgenommen zu werden. Vermeide unangenehme Ruhepausen, die ggf. ein Unwohlsein beim Gegenüber auslösen.

7. Fehlende Vorbereitung

Menschen schauen normalerweise weg, wenn sie 1. denken, 2. zögern oder 3. nicht fließend sprechen. Dieses Verhalten dient wahrscheinlich dem psychologischen Schutz für vor Verlegenheit, und zwar für den Fall beurteilt zu werden, dass man nicht weiterspricht. Ein weitere Zweck ist ein erhöhter Fokus ohne die Ablenkung durch Visuelles (wie dem Gesprächspartner).

Tipp: Verlangsame das Sprechen etwas, um dem Gehirn Zeit zu geben, das zu verarbeiten, was als nächstes kommt. Fordere beiläufig ein paar Sekunden zum Nachdenken, bevor du antwortest. Versuche, eher konkret als abstrakt zu sprechen. Professoren aus harten Wissenschaften zögern beim Sprechen eher als Geisteswissenschaftler. Forscher gehen davon aus, dass der Unterschied auf der Tatsache beruht, dass harte Wissenschaften in der Art und Weise, wie sie sich zu ihren Themen äußern können, eingeschränkter sind.

Übe das Aufrechterhalten des Augenkontakts mit dir selbst im Spiegel für ca. 4 Sekunden. Gewöhne dich an den Augenkontakt beim Nutzen von Videochats. Wichtig ist zu verstehen, welchen persönlichen Zweck das Wegschauen letztendlich hat. Sobald man die Ursache des Problems erkannt hat, kann man die spezifische Technike auswählen, um das Problem zu lösen.

8. Optisch nicht ansprechend oder Ekel

Es kann durchaus sein, dass die Person gegenüber nicht besonders gut aussieht oder schlicht unhygienisch ist. Dies ist auch ein möglicher Grund, dass kein Augenkontakt gehalten wird. Ein Ekelgefühl hat unterschiedliche Intensitäten, von leichter Abneigung bis zu intensivem Abscheu. Alle Ekelzustände werden durch das Gefühl ausgelöst, dass etwas aversiv, abstoßend oder giftig ist. Menschen schauen sich gerne Dinge an, die sie attraktiv finden.

9. Autismus oder Asperger-Syndrom

Ein Symptom von Personen mit Autismus oder Asperger-Syndrom ist, dass sie keinen bzw. kaum Augenkontakt halten können. Augenkontakt ist eine soziale Interaktion, die diesen Personen schwer fällt. Sie geben an, es fühle sich unnatürlich an und sie würden sich beklemmt fühlen.


Vorteile von Augenkontakt

Jeder sollte an seiner Fähigkeit arbeiten, Augenkontakt auf hohem Niveau herzustellen, da Studien gezeigt haben, dass Menschen, die einen höheren Augenkontakt mit anderen haben, besser wahrgenommen werden, und zwar als:

- dominanter und mächtiger
- warm und sympathisch
- attraktiver und sympathischer
- qualifizierter, kompetenter und wertvoller
- vertrauenswürdiger, ehrlicher und aufrichtiger
- selbstbewusster und emotional stabiler

Ein verstärkter Augenkontakt verbessert auch die Qualität der Interaktion. Augenkontakt vermittelt ein Gefühl der Intimität und lässt den Empfänger des Blicks positiver über die Interaktion fühlen.

Gesunder Augenkontakt führt zu Empathie und einer intime Bindung. Dies ist übrigens auch der Grund, warum es bei Interaktionen im Internet sehr leicht passiert, dass Menschen wütend und hasserfüllt sind. Wenn man sich jedoch von Angesicht zu Angesicht sieht und in die Augen schaut, kann man häufig einen Sinn für Menschlichkeit bekommen und die Wut kommt nicht auf.

Evolution

Das Weiß unserer Augen macht es anderen sehr leicht, genau zu sehen, was wir sehen, und zu bemerken, wenn unser Fokus die Richtung ändert. Während Primaten normalerweise ihren Blick in die Richtung richten, in die eine Person ihren gesamten Kopf zeigt, folgt ein menschliches Kind eher den Augen der Person, unabhängig davon, in welche Richtung der Kopf der Person geneigt ist. Anthropologen glauben, dass sich unsere einzigartigen menschlichen Augen entwickelt haben, um einen engeren Zusammenhalt mit anderen zu erreichen, was zum Überleben und zum Aufbau einer Zivilisation beiträgt. Das alles heißt: Ihre Augen wurden auch dazu geschaffen, um mit den Augen anderer Menschen zu kommunizieren.

Die menschliche Fähigkeit, jemandem in die Augen zu schauen, um zu entziffern, was er denkt, beginnt sehr früh im Leben. Nach 9 bis 18 Monaten beginnen Säuglinge, in die Augen ihrer Eltern zu schauen, um herauszufinden, was sie zu vermitteln versuchen, wenn ihr Gesicht nicht eindeutig verständlich ist. Und das tun wir für den Rest unseres Lebens.


Quellen:

1. https://www.inc.com/wanda-thibodeaux/what-a-lack-of-eye-contact-says-about-you-according-to-science-and-how-to-fix-it.html
2. https://www.artofmanliness.com/articles/eye-contact/
3. https://www.infinitesoulblueprint.com/eye-contact-8-reasons-someone-might-avoid-eye-contact/

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In Covid-Zeiten:

Die Leute wissen nicht wo hinschauen bei Videotelefonie, -konferenzen oder Poddaufnahmen.

Andere weichen zurück, wenn das Gegenüber eine Maske trägt. Hierzu: https://www.20min.ch/story/masken-wirken-auch-anders-als-gedacht-720603801521

Wieder andere drehen sich ab, wenn sie mit jemandem live sprechen.

Solange man sich nicht automatisch dran erinnert, dass man einander nicht die Hand gibt, sieht die Kommunikation gewöhnungsbedürftig aus.

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