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Hilft das Aufschreiben von Texten beim Auswendiglernen?

In der Schule wird immer noch großen Wert auf das Schreiben per Hand gelegt. Auch haben viele SchĂŒler und Studenten die Angewohnheit, Notizen per Hand anzufertigen statt mit dem Laptop mitzuschreiben. Wenn man die SchĂŒler/Studenten fragt, geben diese meist an, dass sie sich Informationen durch das Niederschreiben besser merken können.

Jetzt stellt sich die Frage, ob dies tatsÀchlich so ist und ob es hierzu wissenschaftliche Studien gibt, die die Beziehung zwischen Schreiben und Auswendiglernen untersucht haben?

Hilft das Schreiben im Allgemeinen dabei, sich an Informationen zu erinnern oder nicht?

von

2 Antworten

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Hi,

Ich bin mir zwar nicht darĂŒber bewusst, dass es eine Studie im Zusammenhang mit dem Niederschreiben und Auswendiglernen gibt.  Dennoch habe ich von einer Studie gehört, in welcher Studenten (oder SchĂŒler, bin mir nicht mehr sicher) so aufgeteilt wurden, dass sich zwei Gruppen ergaben. Beide Gruppen mussten sich auf unterschiedliche Weise auf einen Test vorbereiten. Die erste, durfte als Lernmaterial nur materielles Schriftliches, also BĂŒcher, Hefte etc. verwenden. Die zweite hatte lediglich digitale Quellen zur VerfĂŒgung. Im Test schnitt die erste Gruppe im allgemeinen deutlich besser ab.

Ich persönlich gehe davon aus (wenn ich mich auf deine Frage beziehe), dass das ausschreiben von Wörtern, SĂ€tzen usw. eine Art der „wiederholten Übung " fĂŒr den Verstand bzw. auch fĂŒr das Erinnerungsvermögen ist. Es ist nunmal effektiver im Vergleich zu den sehr Einheitlichen SchriftzĂŒgen, die man nur (auch unbewusst) weniger Beachtet.

Ich hoffe ich konnte dir etwas helfen.

Beste GrĂŒĂŸe,

M.

von
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Es gibt noch nicht viele Studien darĂŒber, jedoch scheint es so, dass das Schreiben selbst uns tatsĂ€chlich hilft, Dinge besser zu merken. Interessant ist, dass das Aufschreiben insbesondere dabei hilft, wichtige Dinge zu erinnern, und dass es wahrscheinlicher wird, dass man sich daran erinnert, je besser man seine Notizen strukturiert.

Das Gehirn ist in mehrere Regionen unterteilt, die verschiedene Arten von Informationen verarbeiten. Es gibt separate Regionen, die visuelle Informationen, auditive Informationen, Emotionen, verbale Kommunikation usw. verarbeiten. Obwohl diese verschiedenen Regionen miteinander kommunizieren (wenn wir zum Beispiel ein Kunstwerk betrachten, haben wir oft eine emotionale Reaktion, die dann an das Sprachzentrum unseres Gehirns gesenden wird und verbal einem anderen mitgeteilt wird), hat jede von ihnen ihre eigenen Prozesse, die Vorrang haben und zuerst vollzogen werden mĂŒssen.

Wenn wir einen Vortrag hören, ist der Teil unseres Gehirns beschÀftigt, der sich mit Zuhören und Sprache befasst. Dieser gibt einige Informationen an unser GedÀchtnis weiter. Es scheint jedoch so, dass das GedÀchtnis keinen Wert darauf legt, wie dies geschieht. Wichtige Inhalte werden genauso behandelt wie triviale Inhalte.

Wenn wir uns jedoch Notizen machen, passiert etwas Interessantes: WĂ€hrend wir schreiben, erstellen wir rĂ€umliche Beziehungen zwischen den verschiedenen Informationen, die wir aufzeichnen. RĂ€umliche Aufgaben werden von einem anderen Teil des Gehirns erledigt und die VerknĂŒpfung der verbalen Informationen mit der rĂ€umlichen Beziehung scheint die weniger relevanten Inhalte herauszufiltern.

In einem psychologischen Test (Peper und Mayer, 1978) fand man heraus, dass Studenten in einer Vorlesung, die Notizen machten, sich an die gleiche Anzahl an Inhalten erinnerten wie Studenten, die keine Notizen machten. Das heißt, das bloße Notieren hat die Menge der Dinge, die sie auswendig gelernt hatten, nicht erhöht. Beide Gruppen von Studenten erinnerten sich an ca. 40 % der in der Vorlesung behandelten Inhalte. Die Studenten, die sich Notizen machten, erinnerten sich jedoch an einen höheren Anteil wichtiger Fakten, wĂ€hrend sich diejenigen, die keine Notizen gemacht hatten, an eine zufĂ€llige Auswahl an Inhalten erinnerte, die in der Vorlesung behandelt wurden.

Dieser Test legt nahe, dass wir beim Schreiben (bzw. kurz vor dem Schreiben) ein gewisses Maß an Überlegungen anstellen, um die Informationen, die wir erhalten, zu bewerten und zu ordnen. Dieser Prozess (und nicht die Notizen selbst) trĂ€gt dazu bei, die Inhalte fester in unseren Köpfen zu verankern, was zu einer besseren Erinnerung fĂŒhrt.

Auch wird der Aufnahmeprozess von wichtigen Inhalten verstĂ€rkt, indem wir eine Verbindung herstellen zwischen dem rĂ€umlichen Teil unseres Gehirns, den wir verwenden mĂŒssen, um sinnvolle Notizen auf Papier zu machen (Schreibhand), und dem verbalen Teil unseres Gehirns, den wir benötigen um aussagekrĂ€ftige Äußerungen zu machen.

Und es gibt noch etwas Bemerkenswertes: Wenn wir etwas aufschreiben, scheint es fĂŒr unser Gehirn so zu sein, als wĂŒrden wir das Geschriebene in der RealitĂ€t tun. Schreiben scheint eine Art mentale MiniĂŒbung zu sein. Das Visualisieren von Inhalten kann das Gehirn dazu bringen, zu glauben, dass es das Gedachte tatsĂ€chlich tut, und das Aufschreiben von Inhalten scheint den gleichen Effekt auszulösen. Dies fĂŒhrt wiederum zu einem besseren Auswendiglernen, genauso wie die Visualisierung der Leistung einer neuen Fertigkeit unser Fertigkeitsniveau tatsĂ€chlich verbessern kann.


Weiterhin sei auf den ModalitĂ€tseffekt verwiesen (experimentelle Psychologie), der besagt, dass die Leistung des Lernenden von der PrĂ€sentationsart des Inhalts abhĂ€ngt, sowie auf die Aufmerksamkeit, die einer Information geschenkt wird. Wenn man den Aufwand und die Art und Weise, wie man Informationen aufnimmt, erhöht, kann man Inhalte besser verarbeiten. Dieser Prozess wird als „Encoding“ bezeichnet (das GedĂ€chtnis kann Informationen codieren, speichern und abrufen).

Je tiefgehender man Inhalte aufnimmt und verarbeitet, desto wahrscheinlicher ist es, dass man sein GedĂ€chtnis fĂŒr den zukĂŒnftigen Abruf ordnungsgemĂ€ĂŸ „codiert“. Beispielsweise ist das Betrachten von Zeichen/Worten eine recht oberflĂ€chliche Verarbeitung, sie jedoch selbst zu schreiben oder sogar selbst zu verfassen ist relativ aufwĂ€ndig und tiefergehend (ModalitĂ€tseffekt).

Wenn man anderen erklĂ€rt und vorfĂŒhrt, wie Dinge funktionieren, oder wenn man eine Aufgabe selbst ausfĂŒhrt, ist es wesentlich einfacher, sich an diese Dinge zu erinnern, als wenn man nur darĂŒber gelesen hat. Das Denken, das vor dem Niederschreiben stattfindet, kann als solch eine TĂ€tigkeit betracht werden. Dies ist ggf. auch der Grund dafĂŒr, dass im Unterricht hĂ€ufig AufsĂ€tze verfasst werden.

Das zustandsabhĂ€ngige Erinnern (auf Englisch „transfer-appropriate processing“) kann hier ebenfalls relevant sein, da ein erfolgreiches Abrufen von Inhalten wahrscheinlicher ist, wenn man versucht, Informationen in einem Ă€hnlichen Kontext abzurufen, der wĂ€hrend der ersten Codierung vorlag.

Wenn wir also annehmen, dass Lernen durch das Anlegen geordneter Verbindungen passiert und der Erfolg des Erinnerns von der Anzahl der Verbindungen abhÀngt, die wir hergestellt haben, dann liegt es nahe, dass das Schreiben als zusÀtzliche Verbindung dabei hilft, sich zu erinnern.

Prof. Putnam hat mehrere Jahre untersucht, ob es fĂŒr das GedĂ€chtnis am besten ist, bestimmte Antworten laut zu sprechen, zu schreiben oder sogar laut zu denken. Seine Forschung hat keine Unterschiede zwischen diesen verschiedenen ModalitĂ€ten ergeben, trotz dessen, was wir ĂŒber transfergerechte Verarbeitung und Codierung wissen. Andere Untersuchungen zum Reproduktionseffekt legen jedoch nahe, dass das eigene Erstellen einer Antwort zu einem Thema zu einer deutlich besseren Erinnerung fĂŒhrt als nur das Lesen alleine. Es scheint, als ob das Erzeugen einer Antwort die FĂ€higkeit der Unterscheidung innerhalb des GedĂ€chtnisses erhöht.

Einige Untersuchungen zeigen jedoch, dass es nicht die Art und Weise ist, wie man Informationen aufzeichnet, sondern vielmehr, wie man sich selbst damit testet. Betrachtet man beispielsweise ein Symbol, das man erlernen möchte, stellt man es sich vor und ĂŒberprĂŒft sich dann, ob man es sich merken konnte - dies ist dem Betrachten, dem Aufschreiben und dem anschließenden ÜberprĂŒfen sehr Ă€hnlich.

Das Schreiben selbst kann das GedĂ€chtnis nur indirekt beeinflussen, aber der Mechanismus der VerstĂ€rkung/EinprĂ€gung liegt wie beschrieben in der Erhöhung der Aufmerksamkeit. Ein Beispiel: Professionelle Sportler fĂŒhren ihr Training etwa 50 % mental aus. Sie sehen sich andere Sportler an und stellen sich vor, wie sie sich verbessern können. Es spielt dabei keine Rolle, ob der Sport physisch ausgeĂŒbt wird oder ob er sich nur vorgestellt wird, solange ein gewisser Aufmerksamkeitsgrad vorliegt.

Auch wenn das Schreiben geeignet ist, sich Dinge besser zu merken, so bedeutet dies jedoch nicht, dass es nicht andere Strategien zur Verbesserung der Erinnerung gibt, die ĂŒberlegener sind. Je tiefer etwas encodiert/verschlĂŒsselt/eingebettet ist, desto wahrscheinlicher wird es gelernt.



Quellen:
1. https://www.lifehack.org/articles/featured/writing-and-remembering-why-we-remember-what-we-write.html
2. The Psychology of Human Memory (Google Books)
2. https://psychology.stackexchange.com/q/68/26075
3. https://en.wikipedia.org/wiki/Modality_effect
4. https://en.wikipedia.org/wiki/Encoding_(memory)
5. https://en.wikipedia.org/wiki/Transfer-appropriate_processing
6. https://www.furman.edu/people/adam-putnam/

(Wikipedia-Links nur zum Vertieften, nicht als Referenz)

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