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Das ist eine ernsthaft gemeinte Frage: Warum haben Menschen im Privaten Sex?

Wie wir alle wissen, haben menschliche Paare normalerweise Sex innerhalb der eigenen vier WĂ€nde. GeschĂŒtzt vor den Blick und EinflĂŒssen anderer.

Ein möglicher evolutionĂ€rer Grund fĂŒr „Sex in der Höhle“ wĂ€re aus meiner Sicht der Schutz vor gefĂ€hrlichen Raubtieren, da nicht die volle Aufmerksamkeit gegeben ist.

Es muss aber auch psychologische GrĂŒnde geben, warum das BedĂŒrfnis besteht, den sexuellen Akt vor anderen Menschen verstecken zu wollen.

GrundsĂ€tzlich steht dies im Widerspruch zu dem Verhalten der meisten Tierarten, die sich im Freien paaren. Einschließlich unserer Artverwandten wie Schimpansen und Gorillas.

Kann bei privatem Sex demnach auf ein biologisches und/oder ein kulturelles (angelerntes) Verhalten geschlossen werden? Welche Vorteile haben wir Menschen durch dieses Verhalten?


PS: Pornographie widerspricht dem BedĂŒrfnis des Privaten ebenso.

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Dies ist eine sehr interessante, kontroverse (da sich moralische Sichtweisen einschalten) und nicht leicht zu beantwortende Frage!

Ansatz: Territoriales Paarungsverhalten bei Tieren

ZunĂ€chst soll darauf hingewiesen werden, dass es auch Tierarten gibt, die „privaten“ Sex praktizieren. Im Tierreich finden sich einige territoriale Verhaltensweisen, die wĂ€hrend der Paarung eine Form von Sicherheit schaffen. Zum Beispiel bei Eidechsen (Davis, 1980), Vögeln (Brown, 1969; Greenwood, 1980) und SĂ€ugetieren (Greenwood, 1980). Sicherheit scheint hier also eine wichtige Rolle wĂ€hrend der Paarung zu spielen. Dem könnte man jedoch entgegen halten, dass das Verlassen der Gruppe eine höhere Gefahr darstellt, diese jedoch in Kauf genommen wird, um Rivalen auszuschließen.

Ansatz: EvolutionÀre Entwicklung der Schande

Wir können den Ursprung einer solchen „Abneigung“ (vor Preisgabe von Sex) auf das GefĂŒhl der Schande zurĂŒckfĂŒhren, das vom evolutionĂ€ren Standpunkt aus erklĂ€rt werden könnte. Darwin (1872) argumentierte, dass Scham das darstellt, was auf der primitiven Ebene ein instinktives Streben nach Deckung ist, aber seine Ausarbeitungen dazu waren nicht klar. MacCurdy (1930) entwickelte diese Idee weiter und argumentierte, dass der prĂ€historische Mensch versuchte, AktivitĂ€ten zu verschleiern/verbergen, die ihn in einer feindlichen Umgebung einer Gefahr aussetzen wĂŒrden, hierzu zĂ€hlen z. B. Essen, Schlafen, Geschlechtsverkehr und Ausscheidung. Vor der AusĂŒbung von Handlungen, die eine rasche Selbstverteidigung einschrĂ€nken oder sogar verhindern, versuchte der prĂ€historische Mensch sich schĂŒtzend zu verbergen.

Malinowski (1927) schreibt: Es ist charakteristisch, dass sexuelle AktivitĂ€ten, Schlaf und Ausscheidung in fast jeder Gesellschaft von schĂŒtzenden Tabus und Mechanismen der Verschleierung und Isolation umgeben sind.

In diesem Zusammenhang könnte sich das GefĂŒhl der Schande als Reaktion auf das natĂŒrliche Streben nach Selbstschutz entwickelt haben (Dawrin, 1872; MacCurdy, 1930). EvolutionĂ€r wĂŒrde dies folglich die Grundlage fĂŒr die mangelnde Bereitschaft zum sexuellen Verkehr in der Öffentlichkeit bilden.

Weil die persönliche Sicherheit mit der Entwicklung der Zivilisation zunahm, hat sich auch das SchamgefĂŒhl verĂ€ndert und ist raffinierter geworden (MacCurdy, 1930). Die Schande besteht nur fĂŒr bestimmte Situationen (z. B. Sex in der Öffentlichkeit), gilt jedoch nicht fĂŒr andere soziale Bedingungen. MacCurdy nennt Beispiele der Ausscheidung, bei denen es nicht ungewöhnlich ist, dass Partner in Gegenwart des anderen oder in Gegenwart von Freunden urinieren. Wir können auch den FKK-Strand der Kategorie “schamfrei” zuordnen.

Insgesamt wĂŒrde die evolutionĂ€re Darstellung hervorheben, dass unser BedĂŒrfnis nach privatem Sex mit einer erhöheten Sicherheit, der Verbreitung von Scham und der Entwicklung von “Anstand” zusammenhĂ€ngt.

In diesem Sinne weist Malinowski auch darauf hin, dass der Geschlechtsverkehr in der Öffentlichkeit Eifersucht erregen könnte und Rivalen einladen wĂŒrde, das zu entreißen, was gerade genossen wird.

Exhibitionismus als Krankheitsbild

Exhibitionismus wird als sexuelle Erregung definiert, indem man seinen Körper offenbart oder sexuelle Handlungen in der Öffentlichkeit ausfĂŒhrt, und es ist eine Form der Paraphilie (sexuelle Perversion mit Erregung an GegenstĂ€nden/Situationen). Die Anziehungskraft, beim Geschlechtsverkehr von anderen beobachtet zu werden, ist eine Form des Exhibitionismus. Das Vorhandensein solcher sexuellen Verhaltensweisen als Krankheit ist ein klarer Hinweis darauf, dass die Mehrheit unserer Gesellschaft soziale und moralische Normen in Bezug auf die Hemmung des sexuellen Verhaltens in der Öffentlichkeit tief verwurzelt hat. Die Mehrheit der LĂ€nder verbietet Sex in der Öffentlichkeit und beschrĂ€nkt den Exhibitionismus auf bestimmte Orte (z. B. FKK-StrĂ€nde).

Normen der Gesellschaft (Hirschfeld)

Die folgenden AusfĂŒhrungen stammen vom Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld (1868 - 1935): Menschen sind "soziale Tiere", und ihre Gewohnheiten, WĂŒnsche, Hoffnungen, Ängste und Überzeugungen werden von der Gesellschaft geprĂ€gt, in die sie hineingeboren werden. Dies gilt fĂŒr Schönheitsideale genauso wie fĂŒr sexuelle Einstellungen und Verhaltensweisen. Menschen werden mit einem bestimmten Potenzial geboren, ihre SexualitĂ€t auszudrĂŒcken, doch dieses Potenzial wird auf vielfĂ€ltige Weise und in verschiedenen Graden verwirklicht. In sexuell repressiven Gesellschaften kann es sogar vollstĂ€ndig unterdrĂŒckt sein.

Der Sachverhalt lĂ€sst sich anhand der Analogie zur Sprache veranschaulichen: Alle Kinder werden mit einem Sprachpotential geboren, sind jedoch nicht fĂŒr eine bestimmte Sprache vorprogrammiert. Einige Gesellschaften haben "geheime" Sprachen fĂŒr MĂ€nner und Frauen, und Kinder werden diese dann entsprechend ihrem Geschlecht auch erlernen. Wenn die Kinder intelligente Eltern haben, können sie lernen, außergewöhnlich gut zu sprechen. Oder das Gegenteil passiert.

Das menschliche Sexualverhalten entwickelt sich auf Ă€hnliche Weise. Kinder lernen, das Verhalten anzunehmen, das fĂŒr ihre jeweilige Kultur akzeptabel ist. Sie erwerben ebenso je nach Geschlecht unterschiedliche mĂ€nnliche und weibliche QualitĂ€ten. Wenn sie tolerante Eltern haben, wird ihre sexuelle Freiheit zunehmen, aber eine puritanische Erziehung wird sie schuldig fĂŒhlen lassen und ihre SexualitĂ€t blockieren. Einige frustrierte Kinder könnten eine "lockere Moral" entwickeln und Sex hauptsĂ€chlich dazu verwenden, um ihre Feindseligkeit auszudrĂŒcken. Andere, die sehr zufrieden sind, wĂ€hlen ihre Sexualpartner sorgfĂ€ltig aus und ĂŒberschĂŒtten sie mit Zuneigung. Oder einige Menschen beschließen, die Freuden des Sexes aufzugeben und aus religiösen oder moralischen GrĂŒnden ein KeuschheitsgelĂŒbde abzulegen.

Der Vergleich von erlernter Sprache und erlernter SexualitĂ€t muss sich jedoch nicht auf diese Ebene beschrĂ€nken, d. h. auf persönliche Eigenheiten, Misserfolge oder Erfolge. Menschliche SexualitĂ€t und Sprache sind auch allgemein vergleichbar und können auf ihre kollektiven Auswirkungen untersucht werden. Verschiedene Sprachen drĂŒcken unterschiedliche Grundphilosophien aus. Sie malen unterschiedliche Bilder der RealitĂ€t und reflektieren unterschiedliche LebensansĂ€tze. Kurz gesagt, jede Sprache prĂ€gt die Wahrnehmung derer, die damit aufwachsen. Abgesehen von bestimmten persönlichen Meinungen lernen große Gruppen von Menschen zusammen, die Welt je nach ihrer Muttersprache unterschiedlich wahrzunehmen.

Dies gilt auch fĂŒr "einheimische" Sexualphilosophien. Das sexuelle Verhalten von MĂ€nnern und Frauen spiegelt nicht nur ihren persönlichen Geschmack wider, sondern in hohem Maße auch die Grundwerte der Gesellschaft oder der sozialen Gruppe, der sie zugehören. Egal wie sehr sie sich als Individuen unterscheiden mögen, ihr moralischer Geist wird immer von den zugrunde liegenden Annahmen ihrer gesamten Kultur geprĂ€gt. In hedonistischen und toleranten Kulturen sind die meisten Menschen wahrscheinlich fröhlich und sinnlich. In puritanischen und repressiven Kulturen neigen sie dazu, sich Ă€ngstlich und gehemmt zu verhalten. Im ersten Fall werden sie Sex als Quelle des GlĂŒcks ansehen, im zweiten Fall werden sie Sex als Quelle der Schande verbergen.

Wenn wir also die sexuellen Einstellungen eines Individuums untersuchen, haben wir es tatsÀchlich mit zwei getrennten Fragen zu tun. Wir fragen nicht nur: "Wie gut entspricht dieser Mann oder diese Frau den sexuellen Standards seiner Gesellschaft?" sondern auch: "Was ist die Grundlage dieser Standards? Welche Bedeutung gibt diese Gesellschaft dem Sex?"

In den meisten Gesellschaften wird die Bedeutung von Sex durch die Religion offenbart. Zumindest war dies in Gesellschaften der Vergangenheit sehr oft der Fall und selbst in modernen, sĂ€kularen Gesellschaften bleiben die sexuellen Standards oft an Ă€ltere religiöse Lehren gebunden. Die alten Israeliten sahen das Wesen von Sex in der Fortpflanzung und verurteilten jedes sexuelle Verhalten, das dieses Ziel nicht förderte. Die frĂŒhen Christen nahmen diese enge Sichtweise an und schrĂ€nkten sie sogar weiter ein, indem sie Sex als notwendiges Übel betrachteten und die Tugenden der sexuellen Abstinenz priesen. Sexuelle AktivitĂ€ten waren nur dann akzeptabel, wenn sie zu einer Schwangerschaft innerhalb der Ehe fĂŒhren konnten, und selbst dann sah man es mit Verlegenheit.

Christen fanden ihre sexuellen Ansichten durch sachliche Beobachtungen bestÀtigt:

- Bedecken respektable MĂ€nner und Frauen nicht ihren Körper mit Kleidung? Und beweist dies nicht, dass sie ein angeborenes GefĂŒhl von “Anstand” haben?
- Vermeiden Menschen nicht, ihre sexuellen Fantasien offen zu diskutieren? Und beweist dies nicht, dass sie sich mit diesen unwohl fĂŒhlen?
- Verbergen Eltern nicht die intime Seite ihrer Ehe vor den Kindern? Und beweist dies nicht, dass etwas mit dem Geschlechtsverkehr verkehrt ist?
- Hat die Natur selbst nicht ĂŒberall gezeigt, dass Sex von Natur aus niedertrĂ€chtig und demĂŒtigend ist?

So schrieb der nordafrikanische Bischof und Kirchenvater Augustinus von Hippo (354 - 430) dogmatisch ĂŒber die "Schande, die jeden Geschlechtsverkehr begleitet" in seinem Buch “Die Stadt Gottes” (Buch XIV, Kapitel 18):

Geschlechtsverkehr wird immer mit Lust ausgeĂŒbt und muss daher verborgen werden ... In der Tat sorgt ein natĂŒrliches SchamgefĂŒhl dafĂŒr, dass Geheimhaltung auch in Bordellen gewĂ€hrleistet wird ... Unzucht wird selbst von schamlosen MĂ€nnern als beschĂ€mend bezeichnet, und obwohl sie Sex mögen, wagen sie sich nicht zu offenbaren ... Auch der eheliche Verkehr, so respektabel und legitim er auch sein mag, erfordert immer ein privates Zimmer und den Ausschluss von Zeugen. Bevor der BrĂ€utigam sich um seine Braut kĂŒmmert, wendet er sich von allen seinen Begleitern ab ... Ein Grund kann nur darin liegen, dass Dinge, die von Natur aus angemessen scheinen, auch mit Strafe und Schande begleitet werden.

Weiterhin bezeichnete Augustinus die mĂ€nnlichen und weiblichen Geschlechtsorgane als obszöne Teile und betrachtete alle fleischlichen GenĂŒsse mit Ekel. DarĂŒber hinaus war er ĂŒberzeugt, dass alle “anstĂ€ndigen” Menschen ĂŒberall gleich darĂŒber dachten.

TatsĂ€chlich wurde seine Sicht auf Sex auch zu seiner Zeit nicht ĂŒberall geteilt. Es gab immer noch StĂ€mme in fernen Teilen des Römischen Reiches, die ihre alten heidnischen BrĂ€uche bewahrten und sich an Gruppensex und verschiedenen sexuellen Darbietungen erfreuten. Erst viel spĂ€ter und nur durch christlichen Einfluss wurden Augustinus Ansichten fĂŒr die meisten EuropĂ€er zur gegebenen Wahrheit. Außerhalb Europas entwickelten jedoch viele Gesellschaften mit sehr unterschiedlichen sexuellen Werten.

Weiter im Folgekommentar:

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Als christliche Entdecker nach Jahrhunderten der Isolation solche Gesellschaften entdeckten, waren sie erstaunt und unglĂ€ubig ĂŒber die sexuellen Praktiken. Als Captain James Cook zum Beispiel nach Tahiti kam, war er ĂŒberrascht, dass die Tahitianer in der Öffentlichkeit Geschlechtsverkehr hatten und "jeden Appetit und jede Leidenschaft vor Zeugen befriedigten". Cook schrieb in seinem Reisebericht von 1769:

Ein junger Mann, fast zwei Meter groß, fĂŒhrte die Riten der Venus mit einem kleinen MĂ€dchen im Alter von etwa 12 Jahren vor unseren Leuten und einer großen Anzahl von Eingeborenen durch, ohne das geringste GefĂŒhl zu haben, etwas unanstĂ€ndiges oder unpassendes zu tun. Es schien so, als ob diese Praktik zu den normalen BrĂ€uchen dieses Ortes gehörte. Unter den Zuschauern befanden sich mehrere Frauen von höherem Rang, die dem MĂ€dchen Anweisungen gaben, wie sie ihren Teil ausfĂŒhren sollte, was sie, so jung sie auch war, jedoch nicht bedarf.

Trotz seiner BestĂŒrzung behielt Captain Cook offenbar die Fassung und versuchte nicht, die AuffĂŒhrung zu stoppen. Immerhin war er kein moralischer Kreuzfahrer, sondern ein praktischer EnglĂ€nder, ein erfahrener Weltreisender und ein Sohn des Zeitalters der AufklĂ€rung. Es wurde den christlichen Missionaren einer spĂ€teren Zeit ĂŒberlassen, empört zu werden und die traditionellen InselbrĂ€uche auszurotten. In der Tat kann man sich leicht vorstellen, wie sich das sexuelle Spektakel auf Augustinus ausgewirkt hĂ€tte, wenn er es miterlebt hĂ€tte. Man kann auch davon ausgehen, dass es seine Meinung nicht geĂ€ndert hĂ€tte. Anstatt zuzugeben, dass seine "universelle Ansicht von Sex" von den "schamlosen" Inselbewohnern als falsch erwiesen worden war, hĂ€tte er sie wahrscheinlich alle als Sklaven des Teufels verurteilt.

Wir können uns vorstellen, was mit den tahitianischen Darstellern passieren wĂŒrde, wenn sie heutzutage öffentlich auftreten wĂŒrden. Jeder Mann, der mit einem minderjĂ€hrigen MĂ€dchen in einer "Live-Sexshow" auftrĂ€te, wĂŒrde als Vergewaltiger ins GefĂ€ngnis gebracht. Zudem wĂŒrde man ihn als "KinderschĂ€nder" und "pĂ€dophil" bezeichnen und ihn nach seiner GefĂ€ngnisstrafe in eine psychiatrische Klinik einweisen. Sollte er jemals freigelassen werden, mĂŒsste er sich fĂŒr den Rest seines Lebens bei der Polizei registrieren lassen. Das MĂ€dchen wĂŒrde ebenso als StraftĂ€terin angesehen werden und in eine Reformschule geschickt. Ferner wĂŒrde das gesamte Publikum verhaftet werden, weil es einen Akt der öffentlichen "UnanstĂ€ndigkeit und ObszönitĂ€t" miterlebt und dadurch ermutigt hat.

Wie dieses krasse Beispiel zeigt, unterscheiden sich die moralischen Werte der modernen Welt stark von denen des vorkolonialen Tahiti. Dort wurden Menschen als wertvolle Mitglieder der Gemeinschaft begrĂŒĂŸt, die hier als kriminell und verrĂŒckt gelten. Was wir heute als moralische "Korruption von MinderjĂ€hrigen" verabscheuen, ermutigten die Tahitianer als praktische Sexualerziehung. Was uns sĂŒndig erscheint, hatte einen religiösen Zweck fĂŒr die anderen.

Kurz gesagt, die Tahitianer haben sich einer Sexualphilosophie angeschlossen, die fast das Gegenteil unserer eigenen ist.

Sollten wir daher zu dem Schluss kommen, dass sie "dekadent", "entartet", "verdorben", "moralisch zerstört", "animalisch", "krank" und "pervers" waren? Solche Denunziationen wĂ€ren nicht angemessen, da sich die tahitianische Kultur unabhĂ€ngig von der unseren entwickelte und die Tahitianer seinerzeit als die glĂŒcklichsten, gesĂŒndesten, freundlichsten und großzĂŒgigsten Menschen der Welt bezeichnet wurden. Was sicherlich mit dem Wert jedes einzelnen innerhalb der Gemeinschaft zu tun hatte und nicht auf Sexualpraktiken zurĂŒckzufĂŒhren war. Ihr Niedergang begann im Übrigen erst nach dem Kontakt mit westlichen Christen.

Sollten wir dann im RĂŒckschluss auf die Idee kommen, dass unsere Standards (nicht-öffentlicher Sex) falsch sind?

Nein, denn eine plötzliche, radikale VerĂ€nderung dieser Art wĂ€re unmöglich und es wĂŒrde gravierende soziale Probleme verursachen. So wie den Tahitianern durch die EinfĂŒhrung einer fĂŒr sie fremden Moral nicht geholfen wurde, wĂŒrden wir die blinde Akzeptanz von Werten, die uns fremd sind, mehr als bereuen.

In jeder Gesellschaft sind die sexuellen Normen in ein großes Netzwerk anderer Normen, Gesetze und Traditionen eingebettet, die alle ĂŒber lange ZeitrĂ€ume hinweg entwickelt wurden, um sich gegenseitig zu unterstĂŒtzen und einer Vielzahl sozialer Zwecke zu dienen.

VerĂ€nderungen im Sexualverhalten wirken sich daher immer auf viele andere Lebensbereiche aus. Daraus folgt, dass keine sexuelle Revolution viele gute Dinge bewirken kann, wenn sie bestimmte historische UmstĂ€nde nicht berĂŒcksichtigt und die KomplexitĂ€t kultureller Traditionen ignoriert.

Nach der erfolgreichen Industrialisierung der westlichen Welt im 19. Jahrhundert wurden die Mittelschichten in sexuellen Angelegenheiten ĂŒbrigens toleranter. Als ihr materieller Komfort zunahm, stellten sie fest, dass die politische und wirtschaftliche Freiheit, die sie gewonnen hatten, ohne sexuelle Freiheit unvollstĂ€ndig war. So haben wir im 20. Jahrhundert einen wachsenden Trend der sexuellen Liberalisierung gesehen. Aufgrund der Erfahrungen nichtwestlicher Kulturen und westlicher libertĂ€rer Traditionen befĂŒrworten heutzutage viele Gelehrte, Moralisten und BĂŒrger eine humane Welt ohne sexuelle UnterdrĂŒckung.

Um Ansichten zum Sex in der jeweiligen Gesellschaft zu verstehen, bedarf es also genauen historischen und interkulturellen Untersuchungen derselben.


Weitere Ideen:

1. EvolutionÀr: Ggf. ist der private Sex eine Art nicht-dominante Paarungsstrategie. Bei sozialen Tieren kontrollieren die dominanten Alpha-MÀnner typischerweise den reproduktiven Zugang zu Frauen und nicht-dominante MÀnner entwickeln Strategien, um diese Kontrolle zu umgehen. Unter UmstÀnden kann privater Sex eine dieser Strategien sein. Wenn privat, dann hat der Alpha-Mann weniger Chancen, den anderen stoppen.

2. Menschen versuchen, den physischen Wettbewerb zu vermeiden (im Gegensatz zu Tieren) und sich auf intellektuelle und kulturelle Merkmale zu konzentrieren. Wir zeigen unser sexuelles Können nicht öffentlich, da Sexualpartner nach anderen Kriterien ausgewĂ€hlt werden, die fĂŒr die langfristige Entwicklung der Art relevanter sind.

3. Donald Symons (1979) argumentierte, dass privater Sex die ExklusivitÀt der Beziehung zwischen monogamen Paaren unterstreicht. Diese Theorie geht davon aus, dass sexuelle ExklusivitÀt ein Merkmal menschlicher Beziehungen ist. Andererseits argumentieren viele Wissenschaftler, dass Menschen von Natur aus nicht sexuell exklusiv sind.

4. Friedrich Engels (1884) schrieb, dass MĂ€nner mit der EinfĂŒhrung von "Eigentum" begannen, sicherzustellen, dass auch nur ihre eigenen Kinder das Eigentum erben - und nicht die Kinder eines anderen Erzeugers. In frĂŒheren Zeiten wussten nur die Frauen, dass sie die biologischen Erzeuger waren (vgl. auch MatrilinearitĂ€t), MĂ€nner konnten sich dessen nicht sicher sein. Den Sex im privaten Bereich zu haben, könnte als Konsequenz daraus gesehen werden, die Frau als Eigentum vor anderen zu schĂŒtzen und sicherzustellen, dass die eigene Erbmasse weitergegeben wird.


Quellen:
1. Magnus Hirschfeld "Sex and Society"
2. Darwin (1872) "The Expression of the Emotions in Man and Animals"
3. MacCurdy (1930) "The Biological Significance of Blushing and Shame"
4. Malinowski (1927) "Sex and Repression in Savage Society"
5. Donald Symons (1979) "The Evolution of Human Sexuality"
6. Friedrich Engels (1884) "Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats"
7. Ideen von: https://psychology.stackexchange.com/q/1567/26075

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