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Ist die Freiheit eines indischen Bettlers ebenso groß wie die eines Millionärs, gemäß Jean-Paul Sartres Philosophie des Existenzialismus?

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Die Frage, was es bedeutet Mensch zu sein, ist eine der ältesten Fragen der Philosophie. Sehr oft wird dabei unterstellt, es gebe so etwas wie eine Menschennatur, ein uns innewohnendes allgemeines Wesen, die Essenz des Menschlichen, die überzeitlich immer und überall gleich ist. Ausgehend von diesen Denkweisen besitzen alle Menschen, unter welchen Bedingungen sie auch leben mögen, die gleichen grundlegenden Eigenschaften und folgen den gleichen Grundwert.

Folgt man dieser Auffassung, so widerspricht Satre, übersieht man leicht, was ihn vor allem anderen auszeichnet, nämlich seine Freiheit. Satre erläutert dies an einem Beispiel. Hat man L’existentialisme est un humanisme gelesen, so wird einem ein Beispiel sehr bekannt vorkommen.

Brieföffner-Beispiel:

Man stelle sich einen Brieföffner vor. Dieser wurde von einem Handwerker hergestellt, der die Idee hatte, ein derartiges Werkzeug zu schaffen, im Wissen, wie es konstruiert werden muss. Der Brieföffner muss z. B. scharf genug sein, um Papier zu schneiden, aber nicht zu scharf, so dass man sich schneiden könnte. Es bedarf einer leichten Führung und muss aus passendem Material bestehen - Metall, Stein oder Holz, aber nicht Butter, Wachs oder Eis - und derartig geformt sein, dass es seinen Zweck, nämlich das Öffnen von Briefen, gut erfüllt.

Sartre sagt, dass es nicht möglich sei, dass ein derartiges Werkzeug existiert, ohne, dass es jemanden gibt, der weiß, wozu es zu gebrauchen ist. Dahingehend geht also die Essenz des Brieföffners - und ebenso das Wesen aller Dinge, die ihn zu einem Brieföffner machen und nicht zu einem Fernseher oder Streichholz- der Existenz eines ganz bestimmten Brieföffners voraus.

Der Mensch nimmt eine Sonderstellung ein. Wir existieren, aber nicht wie ein ein Papiermesser wegen eines vorgegebenen Zweckes oder Wesens: Bei den Menschen geht die Existenz der Essenz voraus.

Menschenbild:

Sartres Menschenbild steht in der Tradition einer ganz speziellen Definition des Menschen, indem er das Wesen von etwas identisch mit seinem Zweck setzt. Wenngleich er eine wie auch immer geartete telelogische Natur ablehnt, sieht er den Menschen nicht als etwas, das durch seinen Zweck bestimmt ist. Eine Voraussetzung, der sich Sartres Theorie bedient, ist, dass sich es in der Natur der Menschen liegt, ihrem Leben einen Sinn und Zweck zu geben. Ohne transzendentes Wesen (er ist Atheist), die unserer Existenz einen Zweck vorgibt, sind wir der Aufgabe ausgesetzt, unseren Zweck selbst zu finden und uns durch ihn selbst zu definieren. Dieses Sich-selbst-Definieren heißt allerdings nicht nur, dass wir sagen können, was wir als menschliche Wesen sind, sondern dass wir uns auch zu dem machen, was wir sein wollen.

„Wir sind Reiter auf dem Sturm des Lebens, in diese Welt geworfen wie ein Hund ohne Knochen oder wie ein Schauspieler ohne Bühne. Niemand hat uns vorher gefragt, ob wir auf diese Welt wollten und trotzdem sind wir da“, so Heidegger (ebenso Existentialist)

Das Hineingeworfenwerden in eine absurde, sinnlose Welt, resultiert daraus, dass der Existenzialismus die Existenz von Gott negiert. Der Existenzialismus setzt voraus, dass es in der Natur der Menschen liegt, seinem Leben Sinn zu geben – als bewusste Wesen können wir gar nicht anders, als unser Leben für sinnvoll zu halten.

Diese Fähigkeit ist ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen und unterscheidet ihn von anderen Lebewesen: Wir können werden, was wir sein wollen, und uns dementsprechend formen. Nicht ohne Grund bezeichnet man Sartres Philosophie als Philosophie der Freiheit. Seine Ausführungen befreien uns von den Zwängen einer vorherbestimmten Menschennatur. Wir sind ihm Rahmen menschlicher Möglichkeiten in der Lage, uns frei zu formen und zu entwickeln, wie wir möchten. Betonen muss man an der dieser Stelle „Im Rahmen menschlicher Möglichkeiten“: Auch, wenn wir gerne Flügel hätten, es werden uns keine wachsen. Bereits beim Treffen von Entscheidungen unterliegen wir oft gewissen Rahmenbedingungen oder treffen Entscheidungen aus reiner Gewohnheit. Sartre appelliert daher, festgefahrene Denkmuster zu hinterfragen und sich immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, dass wir in einer Welt leben, in der nichts vorherbestimmt ist (im Widerspruch zum Determinismus). Damit wir nicht in unbewusste Verhaltensmuster verfallen, müssen wir ständig bewusst entscheiden, wie wir uns verhalten oder handeln wollen.

Freiheit/Verantwortung

Treffen wir große, weitreichende und langwährende Entscheidungen, entscheiden wir uns gleichzeitig für bestimmte Lebensformen. Will jemand Philosoph werden, entscheidet er sich nicht nur für sich selbst, er sagt auch: Philosophieren ist eine sinnvolle, erfüllende Beschäftigung. Das Freisein bedeutete also auch, Verantwortung zu übernehmen, und zwar nicht nur für die Konsequenzen, die diese oder jene Wahl für uns selbst hat, sondern letztlich auch für die Menschheit. . Die Suche nach der richtigen Entscheidung bringt den Menschen oftmals ins Taumeln. Dieses Taumeln verbildlicht der dänische Philosoph Kierkegaard mit folgendem Beispiel: Nehmen wir an, sagt er, ein Mann steht auf einer Klippe oder einem hohen Gebäude. Sieht er über den Rand, packt ihn ein doppeltes Angstgefühl: die Angst zu fallen und die Angst vor dem Impuls, sich herunterzustürzen. Die Person hält nichts, sie hat die Wahl, ob sie springen will oder nicht. Diese Angst erleben wir bei moralischen Entscheidungen, sobald wir uns klar machen, dass wir die Freiheit haben, selbst die furchtbarsten Entscheidungen zu treffen. Die Freiheit ist also keinesfalls rein als Segen zu verstehen, Jean-Paul Satre selbst sagt, dass wir zur Freiheit verdammt seien. Summa summarum nimmt der Existenzialismus die zufällige Existenz des einzelnen Menschen, seine Erfahrungen zum Ausgangspunkt. Erst daraus folgt, was er/sie sein kann oder soll.

Ist die Freiheit eines indischen Bettlers ebenso groß wie die eines Millionärs, gemäß Jean- Paul Sartres Philosophie des Existenzialismus?

Dies ist nicht unbedingt eine zielführende Fragestellung. Freiheit im Sinne Sartres ist völlig unabhängig von Vermögen zu verstehen. Der indische Bettler ist ebenso frei wie der Millionär. Man muss allerdings gestehen, dass Sartres Freiheitsbegriff völlig unvereinbar mit deterministischen Philosophien ist. Ob und Inwiefern sich der Mensch durch die von ihm geschaffene Gesellschaftsstruktur die primordiale Freiheit nimmt, kannst du dir ja mal selbst überlegen.

von

Vielen Dank für so eine ausführliche Antwort :)

Dürfte ich fragen, ob es möglich ist dies auf den Alltag zu übertragen, zum Beispiel ob es dann Freiheit ist, jeden Tag in der Schule zu sitzen?

In Deutschland herrscht eine Schulpflicht, daher verstehe ich deine Frage, inwiefern es sich hier um Freiheit handelt. Für Satre müssen wir aber einen Schritt weiter zurückgehen. Der Mensch bzw. die Menschheit ist nach Satre mit einer ursprünglichen (im Rahmen seiner Möglichkeiten) Freiheit ausgestattet. Ein Schulsystem ist etwas, das er mit seiner Schöpferkraft erschaffen hat, es ist ein Ding, bei dem, anders als beim Menschen, die Essenz (also der Zweck) der Existenz vorausgeht. Ein Schulssystem wurde vom freien Menschen so geformt, dass es bestimmte Zwecke erfüllt. Es ist oft überfordernt, auch als Menschheit, Dinge zu entscheiden. Das ist der Nachteil dieser Freiheit, sie überwältigt uns - niemand weiß, was richtig ist. Ist eine Schulpflicht sinnvoll oder nicht? Satre sagt ja auch wortwörtlich, dass wir zur Freiheit verdammt sind. Es gibt ein schönes Gedankenspiel von Kierkegaard (Gründervater des Existenzialismus), bei Bedarf kann ich das auch nochmal rezitieren.

Wie also schon im Kommentar erwähnt, sollte man sich Gedanken machen, inwiefern sich der Mensch seine ursprüngliche gegebene Freiheit zunichtemachen kann.

@raisin_carré:

Der gute Mann heißt Jean-Paul Sartre, bitte nicht Satre !!

Mich irritiert gerade total, dass dir deine permanent falsche Schreibweise (trotz mehrfacher Textbearbeitung) bisher nicht aufgefallen ist.

Ähnliches gilt für die "telelogische" statt teleologische Natur.

Letztlich resultiert daraus auch meine Frage: Woher stammt der Antworttext ?

Nachvollziehbare Quellenangaben sollten per se eine Selbstverständlichkeit sein.

Der gute Mann heißt Jean-Paul Sartre, bitte nicht Satre !!

Habe ich editiert. Danke für den Hinweis, das sollte natürlich nicht so sein.

Letztlich resultiert daraus auch meine Frage: Woher stammt der Text ?

Eigene Aufzeichnungen aus Schulzeit in Textform verfasst. Ich werde aber noch einige Dinge ändern/hinzufügen bis heute Abend.

@raisin_carré

Der gute Mann ist keine quadratische Weintraube und nennt sich "racine_carrée"

(= Quadratwurzel) :-)

Habe den Namen des anderen guten Mannes in der Fragestellung korrigiert.

Genau, wie das Album von Stromae.

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